​‚Ciclofaixa‘ und ‚Tor für Deutschland‘

​‚Ciclofaixa‘ und ‚Tor für Deutschland‘ Sommer, Sonne, Sonnenschein – das ist oftmals der erste Eindruck, wenn man von Brasilien spricht. Jörg Grohne, seit 2007 Lehrer am Berufskolleg Rheine des Kreises Steinfurt, hat sich diesen Sommer als Lehrer im Auslandsschuldienst auf den Weg in die Millionenmetropole São Paulo gemacht und ist von den ersten Eindrücken überwältigt. Ein Trauerfall zwang ihn nun zu einem Aufenthalt in der Heimat, diese Gelegenheit ließen wir nicht ungenutzt, um im Interview ein differenzierteres Bild Brasiliens zu erforschen.

BKR: Eine Frage vorweg: Gibt es irgendwelche Klischees über Brasilien, Deutschland und das Verhältnis der beiden Länder, über die Du im Interview nicht sprechen möchtest?

Jörg Grohne: (nach längerem Überlegen). Nein, wir können über alles reden (lacht).

BKR: Kannst Du einmal zusammenfassen, wie Du überhaupt darauf gekommen bist, das schöne Rheine zu verlassen und Lehrer in Brasilien zu werden?

JG: Den Wunsch, ins Ausland zu gehen, gibt es schon länger. Erste Wurzeln gehen da bis in das Jahr 2000 zurück, als mir ein damaliger Kollege von einem Aufenthalt in Chile berichtete. Später ist dann fast zufällig herausgekommen, dass ich sogar mehrere Verwandte in Chile habe, so dass Südamerika immer mehr in den Fokus rückte. Hier spielt auch eine Rolle, dass die meisten der zehn internationalen Berufsschulen in Südamerika gelegen sind. Die Suche und Organisation ist dann gar nicht so einfach gewesen, das Zeitfenster der aufnehmenden Schule musste auch zu meinen Rahmenbedingungen passen und ich wollte auch nicht ‚Hauptsache ins Ausland‘ – das Ziel der Exkursion musste ja auch passen. 
Verschiedene Komplikationen haben dazu geführt, dass meine erste Freistellung für den Auslandsschuldienst, die für vier Jahre gilt, abgelaufen war, so dass ich eigentlich schon einen Haken an die Idee gemacht habe und mich auf den Dienst in der Heimat eingestellt habe. Dann bin ich 2019 das erste Mal auf die Pädagogik-Messe „didacta“ gefahren bin und habe den ZFA-Sand (Zentralstelle für Auslandsschuldienst) aufgesucht, weil ich auf der Suche nach Dirk Niemeyer war, der als Kollege unserer Schule bereits vor über einem Jahr nach Rio de Janeiro gewechselt ist. Genau an dieser Stelle merkte jemand mein ‚Interesse‘ an dem Stand, der mir dann sagte, dass zum 01.08.2020 eine Lehrerstelle in Brasilien frei werden würde, und der Stein kam dann endgültig ins Rollen.

BKR: An Deiner Berufsschule in São Paulo gibt es einen brasilianischen und einen deutschen Teil. Ist es nun selbstverständlich, dass Du am deutschen Zweig eingesetzt bist?

JG: Streng genommen muss ich antworten: Weder – noch. "Meine" Berufsschule hat im Prinzip keine Zweige, außer die unterschiedlichen Berufe. Einen brasilianischen und deutschen Zweig hat das Colegio Humboldt, also die Schule als Ganzes. Meine Berufsschule ist nun nur ein kleiner Teil, aber eben sehr spezieller, der gesamten Schule. Die in Deutschland übliche Berufsausbildung, das duale System, gibt es ja in den allermeisten Ländern der Welt nicht, deshalb wurde unser „Dual“ für die Schule eingeführt und von dem Verein unterhalten.

BKR: Was ist nun die Unterrichtsprache für Dich?

JG: Deutsch. Es gibt allerdings natürlich auch die Voraussetzung, englischen Schriftverkehr zu verstehen oder auch brasilianisches Rechnungswesen, wofür wir nun einen extra Lehrer haben, der die Feinheiten des Fachs und der Sprache kennt. Überhaupt ist das Kollegium zusammengesetzt aus brasilianischen Lehrern und internationalen Lehrern, wodurch die Verständigung für mich wirklich noch sehr herausfordernd ist.

BKR: Was sind das eigentlich für Schüler, die von Euch unterrichtet werden? Stehen internationale Firmen hinter denen oder sind es brasilianische Firmen, die sich für den deutschen Markt interessant machen wollen?

JG: Das sind eigentlich fast alles deutsche Firmen. São Paulo ist ja der Ort der Welt mit der größten Ansiedlung deutscher Firmen bzw. Zweigstellen außerhalb Deutschlands. Nahezu 1000 Niederlassungen deutscher Firmen müssten das vor Ort sein, die das deutsche Berufsausbildungssystem kennen und auch für ihre Leute wünschen. Neben den großen Firmen, etwa den namenhaften Autoherstellern, Chemiekonzernen, Banken, Logistikern, gibt es dann noch viele kleinere Betriebe.

BKR: Nun hast Du Schüler beider Länder schon einmal kennen lernen können, gibt es da auf den ersten Blick deutliche Unterschiede?

JG: Da ich nun während der Corona-Krise meinen Dienst angetreten habe, ist der Vergleich schwer. Deutsche Schüler konnte ich im Lernen auf Distanz noch nicht ausführlich auf meinem PC begrüßen, die brasilianischen Schüler wiederum sind noch nicht in die Schulgebäude zurückgekehrt.
Ein wirklich bemerkenswerter Unterschied sind bisher die Schüler, die über Förderprogramme an unsere Schule gekommen sind. Die kommen aus den ‚ Comunidades‘ [ärmeren Stadtgebieten mit deutlichen sozialen und wirtschaftlichen Problemen], müssen sich also intensiv um einen Schulplatz bemühen und sich qualifizieren und kämpfen nun mit allen Mitteln für ihre schulische Ausbildung. Die begreifen das als Chance, aus dem Kreis herauszukommen und sind hochmotiviert, lernen also extra Deutsch für die Schule. Hier muss ich genau überlegen: „Was sagst Du? Ist das Umgangssprache oder versteht man das auch, wenn jemand gerade erst Deutsch gelernt hat? Spreche ich hier von deutschen Besonderheiten oder gibt es das Phänomen auch in Brasilien?“

BKR: Wie hat jetzt die Aufnahme geklappt? Welche Rolle spielt das Kollegium?

JG: Wenn man, so wie ich, neu ist, gibt es natürlich viel zu entdecken. Die Kollegen sind hier sehr zuvorkommend, Fahrradtouren und die brasilianische Grillkultur helfen da schon sehr. Viele Kollegen wohnen auch dicht an der Schule, allerdings habe ich mich um einen Wohnplatz gekümmert, der mir auch genug brasilianische Eindrücke gewährt. In meinem Haus ist das Publikum mit Bezug auf Herkunft und Status sehr gemischt, was mir ausgesprochen gut gefällt. In meinem Stockwerk [19. Stock] leben ein Amerikaner, ein Afrikaner, aber kein anderer Deutscher. Den Rest erledigt unser Hund, den ich mitgebracht habe: Die Brasilianer lieben Hunde, hier kriegt man absolut alles für die Vierbeiner. Ein kleiner Plausch ist da beim Gassigehen nahezu unumgänglich.

BKR: Die Corona-Zahlen aus Brasilien sind ja auch in Deutschland allgegenwärtig. Wie sehr merkst Du den Einfluss der Pandemie bisher?

JG: Auch in Brasilien läuft eigentlich vieles scheinbar normal ab, man sieht ja auch nicht ständig Schwerkranke. Trotzdem merkt man auch als Hinzugezogener noch einige Punkte, die der Pandemie geschuldet sind. Viele Restaurants haben noch zu, bieten allerdings einen hervorragend organisierten Lieferservice an. Die Brasilianer lieben Shopping in ihren vielen Malls, diese sind allerdings nur noch eingeschränkt geöffnet, was zeigt, wie ernsthaft die Einschnitte sind (lacht). Richtig deutlich wird es aber auch draußen: Selbst beim Joggen im Freien tragen nahezu alle Leute einen Mund-Nase-Schutz, was ja hierzulande noch nicht vorstellbar ist. Außerhalb der Wohnung setzt man einfach die Maske auf, selbst beim Sport.
Aber in São Paulo ist die Corona-Problematik auch an den sozialen Status gekoppelt, wer dicht an dicht wohnt, hat da von vornherein schlechtere Karten.

BKR: In den deutschen Medien ist auch der brasilianische Staatspräsident Jair Bolsonaro eines der präsentesten Staatshäupter. Wie ist der Blick aus Brasilien auf diesen Mann?

JG: Natürlich habe ich auch schon Demonstrationen für oder gegen den Präsidenten gesehen, aber die Wahrnehmung ist hier weniger aufgeregt als in Deutschland. Vielleicht liegt das auch daran, dass viele Dinge ohnehin in den einzelnen Bundesstaaten geregelt werden. Auch die Maßnahmen gegen die Pandemie werden hier regional geregelt, teilweise mit gewaltigen Unterschieden. 
Die Brasilianer sind ein freiheitsliebendes Volk, ich kann mir nicht vorstellen, dass das brasilianische Staatssystem hier einfach zu untergraben ist. Brasilien ist kein zentralistischer Staat. Die Musik wird im Wesentlichen in den einzelnen Bundesstaaten gemacht, unabhängig davon, ob das Staatsoberhaupt sich Lockerungen wünscht.

BKR: Inwiefern nimmt man in Brasilien eigentlich noch das 7:1 aus dem WM-Halbfinale wahr?

JG: Es ist noch nicht so, dass mir das vorgehalten wird. Aber man merkt, dass das im brasilianischen Gedächtnis eine Rolle spielt. Es gibt etwa einen Geldschein, der mit Photoshop erstellt wurde. Um sich über das schlechte Umtauschverhältnis der Währung zu belustigen, steht da statt „1 $“ nun „1:7 $“ drauf, statt des amerikanischen Präsidenten ziert das ganze ein Konterfei eines Abwehrspielers aus dem Halbfinale. Vom Hörensagen kenne ich auch das geflügelte Wort, wenn einem Brasilianer ein Missgeschick passiert. Wenn dem etwa ein Getränk umkippt, dann sagt der dazu „Tor für Deutschland“ und jeder weiß, was damit gemeint ist. 
Die brasilianische Mentalität ist aber insgesamt sehr mitreißend – jeder sagt sich: Wir haben das schönste Land. Wir haben den besten Fußball. Wir haben die schönsten Menschen. Aber wir haben eine sch… Politik. Aber ansonsten sind wir die besten.

BKR: Kann man sich denn dem Fußball überhaupt entziehen?

JG: Wenn die Saison läuft, ist das ausgeschlossen. Die ersten google-Suchvorschläge sind immer die aktuellen Ergebnisse. Konkurrenz macht da höchstens die Formel 1, die Rennstrecke liegt ganz in der Nähe der Schule. Der Fußball ist aber einfach ein riesiges Phänomen, nach den einzelnen regionalen Meisterschaften geht es in die nationale Ausscheidung und alle fiebern mit. Ein Stadtderby habe ich schon mitbekommen. Bislang geht hier noch niemand in das Stadion, aber an allen Orten der Stadt merkt man es, es wird Feuerwerk abgebrannt, jeder spricht darüber. Man kann sich dem einfach unmöglich entziehen.

BKR: Bist Du schon lange genug dabei, um den brasilianischen ‚Tag der Lehrer‘ mitbekommen zu haben?

JG: Nein, ich bin mir auch nicht sicher, ob ich überhaupt schon von der brasilianischen Fassung gehört habe.

BKR: Dann wünsche ich auf jeden Fall viel Freude damit. Wie sind denn überhaupt die brasilianischen Schüler? Wir hatten schon über Unterschiede gesprochen und über die Ausbildungsbetriebe, aber was macht den brasilianischen Berufsschüler nun überhaupt aus?

JG: Ich habe wegen Corona ja überhaupt noch keinen Schüler persönlich gesehen, alles läuft bislang über den PC. Aber ich konnte sie schon als sehr, sehr freundlich und behilflich kennen lernen. Ich kam hier an, habe die Schüler dann zur ersten Sitzung eingeladen. Da kamen sofort die ersten Antworten: „Guten Tag Herr Grohne, ich freue mich Sie kennen zu lernen. Wie gefällt Ihnen Brasilien? Sind Sie gut angekommen? Gibt es irgendetwas, was Sie über das Land wissen müssen oder wo Sie Hilfe benötigen? Sagen Sie bitte Bescheid.“ Von Schülern so eine Hilfsbereitschaft, das hat mich wirklich überrascht. Das war bei meinem früheren Umzug vom Sauerland nach Rheine nicht so (lacht), aber hier hat das eigentlich jeder gesagt. Das ist zwar auch Smalltalk, aber man erlebt das Land einfach als freundlich.

BKR: Du berichtest die ganze Zeit mit leuchtenden Augen. Gibt es überhaupt noch etwas, was Du an Rheine vermisst.

JG: Meine Frau. (überlegt) Nun, wir sind heute hierhergekommen, essen gemütlich [Das Treffen fand in der ‚farmacia‘ in Rheine statt], reden ein wenig und später steige ich einfach auf das Rad und fahre nach Hause. Das habe ich mich in Brasilien so noch nicht getraut, noch nicht trauen dürfen. Für Auslandsschulkräfte in Südamerika gibt es Sicherheitstrainings, da sind wir gut vorbereitet worden, aber ich bin mir der Risiken durch die Kriminalität auf den Straßen bewusst. Das ist in Rheine etwas vollkommen anderes, dadurch sind manche Dinge in Deutschland einfacher und unkomplizierter. Aber dafür gibt es in Brasilien wiederum Fahrradsonntage, beim ‚ciclofaixa‘ werden insgesamt auf über 100 km Straße (Hauptstraßen) die ganz linke Fahrspur in beiden Richtungen durch Pylonen ausschließlich für Radfahrer abgesperrt! Das ist natürlich schon sehr schön.

BKR: Lieber Jörg, ich bedanke mich für das Gespräch und wünsche heute eine gute Heimreise, nächste Woche einen guten Flug.

Das Interview führte Tobias Frönd
 
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Veröffentlicht: 08:46:14 07.10.2020