​„Lässt sich ein Menschleben gegen ein anders stellen?“

Der Leistungskurs Deutsch in der Jahrgangsstufe 12 (G2P1/P2) tauscht den Klassenraum gegen das Wolfgang-Borchert-Theater in Münster, um Ferdinand von Schirachs Stück „Terror“ auf der Bühne zu sehen.
 
Besuch des Wolfgang-Borchert-Theater in Münster

Hannah Littkemann (G2P2) fasst das Stück in einer Gerichtsreportage zusammen:

„Der Andrang vor dem Münsteraner Gerichtssaal war groß. Der komplette Gerichtssaal war mit interessierten Besuchern ausgefüllt. Kein Wunder, es wurde verhandelt, ob sich ein Menschenleben gegen einer anderes stellen lässt.

Die Stimmung im Saal war angespannt und zugleich war es leise, da jeder Besucher wusste, am Ende der Verhandlung eine Stimme für die Verurteilung von Lars Koch oder dagegen abgeben zu müssen. 
Lars Koch, der Angeklagte, schoss ein Flugzeug mit etwa 160 Personen ab, da dieses von einem Terroristen entführt worden war, welcher Plante das Flugzeug in die Allianz-Arena in München mit etwa 70.000 Zuschauern stürzen zu lassen. Lars Koch wägte damit 160 Leben gegen zehntausende Leben ab, jedoch stellt sich uns und den Besuchern im Gerichtssaal die Frage: Werden damit nicht die Menschenrechte und die damit verbundene Menschenwürde verletzt?

In der Verhandlung wurden zwei Zeugen aufgerufen. Der erste Zeuge Christian Lauterbach betrat stolz, selbstbewusst und von sich überzeugt den Gerichtssaal. Er meinte, er habe richtig gehandelt, jedoch machten sich viele Besucher auch noch nach der Verhandlung Gedanken darüber, ob Lauterbach es nicht zuletzt darauf angelegt habe, dass Lars Koch schießt. Zudem stellte die Staatsanwältin fest, dass noch genug Zeit gewesen wäre, das Stadion vor dem Einschlag des Flugzeugs zu räumen. Es gab keinen Befehl dazu. Lars Koch schoss trotzdem, weil es die für ihn richtige Lösung war.

Die zweite Zeugin Franziska Meiser kam völlig aufgelöst mit Tränen in den Augen in den Saal. Man hat deutlich ihr Unverständnis für Lars Kochs Handeln gespürt. Die Zeugin hat ihren Mann, welcher in dem Flugzeug saß, verloren. Sie ärgerte sich über Kochs Handeln, da sie immer noch die Hoffnung hatte, dass die Passagiere den Terroristen überwältigen hätten können oder dass dieser vielleicht doch nicht in die Arena geflogen wäre. Aber wir wissen nicht, wie es ausgegangen wäre, da Lars Koch geschossen hat und uns damit diese Entscheidung abnahm.

Die Besucher sollten nach den Plädoyers von Staatsanwältin und Verteidigerin für oder gegen eine Verurteilung von Lars Koch stimmen. Nur ein Drittel stimmte im Sinne der Anklage ab und die restlichen zwei Drittel stimmten für einen Freispruch. Damit wurde Lars Koch im Münsteraner Gerichtssaal freigesprochen, jedoch gingen die Meinungen zu diesem Urteil auch später noch auseinander, da es immer noch ein Abwägen von Menschenleben zu Menschenleben bleibt. Moralisch, philosophisch und rechtsgeschichtlich wurde der Fall so differenziert ‚durchgespielt‘, dass die moralische Richtigkeit der Abwägung von Menschenleben zu Menschenleben fragwürdig bleibt.“


Veröffentlicht: 18:14:56 17.11.2019