​„Mit Film und Verstand“ – Kino mit Tiefblick!

In der letzten Schulwoche nutzten ca. 200 Schülerinnen und Schüler die Möglichkeit am Montag, Dienstag oder Mittwoch an einem Projekttag zum Film „Er ist wieder da“ teilzunehmen und ihre Arbeitsergebnisse am Donnerstag in der Aula zu präsentieren. 

"Er ist wieder da!" ... so lautet der Titel des Films zum Roman von Timur Vermes, in dem dieser ein fiktives Szenario entwirft: Adolf Hitler kehrt zurück! Wir schreiben das Jahr 2014 und der Mann, der ein Unrechtsregime führte, das für die Ermordung vieler Millionen Menschen verantwortlich zeichnet, erwacht in Berlin Mitte aus einem unerklärlichen Grund und in einer zerschlissenen Uniform – so als käme er direkt aus dem Führerbunker – wieder zum Leben!

Fast 70 Jahre nach seinem Ableben, fällt es ihm zunächst sichtbar schwer, sich die gesellschaftlichen Verhältnisse des Jahres 2014 zu erklären. Doch nach einer ausführlichen Zeitungslektüre beginnt "Er" sich in der Gegenwart zurechtzufinden und die Aufmerksamkeit um seine Person im Spannungsfeld von offener Ablehnung bis öffentlich zur Schau gestellter Huldigung bewusst in die von ihm gewünschten Bahnen zu lenken. Und so beginnt "Er" als Comedy-Star eine Karriere, die ihn zum Youtube-Star aufsteigen lässt und ihm viel Aufmerksamkeit verschafft, die er geschickt zu nutzen weiß, ohne dass seine wahre Motivation, die Weltherrschaft an sich zu reissen, publik wird. Nur sein Entdecker, der verhinderte Regisseur Sawatzki und eine Überlebende der Shoa erkennen ihn, können ihn aber nicht enttarnen, da die Gesellschaft dies nicht zulässt. Viel zu sehr wird "Er" für seine rechtspopulistischen und rassistischen Parolen sowie die offensiv vorgetragene Kritik an den bestehenden gesellschaftlichen Missständen gefeiert.
Stattdessen wird Sawatzki, der vom Entdecker zum Kritiker wird, in eine Einrichtung für psychisch Kranke eingewiesen.

Doch wie viel Fiktion steckt tatsächlich in Vermes' Szenario? Eine "tatsächliche Wiederauferstehung" Hitlers ist unmöglich, wie ein Heiland wird er im Film dennoch gefeiert! Beängstigend ist dabei die Vorstellung, dass nicht alle Szenen des Films gestellt sind, sondern real. Bewusst haben die Macher des Films offen gelassen, welche Szenen das sind.

An ihrem Ende, als Hitler im offenen Cabriolet durch Berlin fährt und von Passanten gegrüßt wird, wirft die Satire viele Schatten und Fragezeichen auf, die von den Schülerinnen und Schülern in der Aula des Berufskollegs erkannt und hinterfragt werden. Hier sei der Film "gar nicht mehr witzig", wird in der Diskussionsrunde angemerkt. Einige Schülerinnen und Schüler meinen, dass der Film sehr aktuell sei in einer Zeit, in der sich Politiker mit monokausalen Erklärungs- und Lösungsansätzen profilieren können, in denen es "in" zu sein scheint, Menschen auszugrenzen. Politiker, die das tun, würden "teilweise mehr gefeiert als die, die Menschen integrieren wollen“. Insofern ist der Film ein guter Anlass, um über die Politik, Medien, Rassismus, aber auch über die Figur Hitler als hochpräsenten Bestandteil des kulturellen Gedächtnisses nachzudenken.

Dazu sich die Schülerinnen und Schüler, die den Film in der Aula gesehen haben, in Arbeitsgruppen zusammen und lernten dabei auch Mitschülerinnen und Mitschüler aus anderen Bildungsgängen kennen. Jeweils einen Schultag dauerte der Arbeitsprozess, dessen Ergebnisse am Donnerstag in der Aula präsentiert wurden!

Initiiert und durchgeführt wurde das Filmprojekt im Rahmen von Schule ohne Rassismus - Schule mit Courage am Berufskolleg Rheine von Karoline Bringemeier, Katrin Raters, Anna Schuirmann und Sylvia Sundermann. Ein besonderer Dank geht an die Klassen K1K, K2K, G1B, G1P1, G1G1, G1G2, G2G2, G2P1 und G2B. Mit ihrem Engagement haben sie das Projekt erst lebendig gemacht. Gerade bei diesem Thema war der Zugang für manche Schülerin bzw. manchen Schüler nicht leicht und musste in einigen Gruppen hart erarbeitet werden. Dass es sich gelohnt hat, zeigen die Arbeitsergebnisse genauso wie die vielen tollen Diskussionsbeiträge. Und so waren die Lehrerinnen wirklich begeistert von den engagierten Schülerleistungen, die sicherlich auch einen Hinweis darauf geben, dass dieses Projekt eine gute Idee zur richtigen Zeit war! Denn, so führte es eine Schülerin in ihrer Rede aus: „Das alles wird sich wiederholen, wenn wir uns nicht gemeinsam dagegenstellen. „Er“ manipuliert uns, indem er Dinge verspricht, die er nicht erfüllen kann und Dinge befiehlt, die eigentlich niemand will. „Er“ hat selbst gesagt [Bezug auf Zitat aus dem Film], dass unsere aktuelle Situation für ihn eine gute Grundlage ist. Wir wissen wie anstrengend und vielschichtig es sein kann, sich mit politischen Themen auseinanderzusetzen und dass man manchmal das Gefühl hat, es würde sowieso niemanden interessieren. Doch das ist kein Grund einem Hitler [Bezug auf Film] gesellschaftliche Aufgaben zu übertragen. Denn die Wahrheit ist, dass jeder etwas bewegen kann. Auch ihr!“


Veröffentlicht: 17:06:23 16.07.2018